Die Geschichte von Sathi, einem ausgestoßenen Jugendlichen aus Indien, zeigt, wie viel Hoffnung und Lebensfreude durch Aufmerksamkeit, Pflege und menschliche Zuwendung entstehen können.

Wie kann man nur derart ausgestoßen sein?
Die Geschichte von Sathi hat mich tief berührt. Der Jugendliche wurde in einem Lepra-Krankenhaus in Naini, Indien, zurückgelassen. Als ich ihn frage, ob er seine Familie vermisst, verneint er. Stattdessen sagt er, dass er hier ein viel besseres Leben habe.
Sathis Vater ist gestorben. Sein Stiefvater stellte seine Mutter vor die Wahl: Entweder Sathi geht, oder er selbst geht. Seitdem hat der Junge nichts mehr von seiner Familie gehört.
Im Krankenhaus findet Sathi etwas, das ihm bisher gefehlt hat: regelmäßige Pflege, ausreichend Essen und Menschen, die sich um ihn kümmern. Auf dem weitläufigen Gelände des Spitals beginnt er aufzublühen. Auch die Schmerzen in seinen Beinen werden mit der Zeit weniger.
Ein Leben, das neu beginnt
Sathi ist an Lepra und Tuberkulose erkrankt. Doch seine Krankheit ist nur ein Teil seiner Geschichte. Besonders erschütternd ist, wie sehr er bisher aus der Gesellschaft und sogar aus seiner eigenen Familie ausgeschlossen wurde.
Der Junge war nie in der Schule. Er kann nicht einmal seinen eigenen Namen richtig schreiben. Wenn er vollständig geheilt ist, möchte er endlich eine Schule besuchen.
Und trotzdem ist Sathi voller Lebensfreude. Er genießt die Aufmerksamkeit und Zuwendung, die er im Krankenhaus erfährt. Besonders glücklich ist er, wenn gemeinsam gespielt wird. Eine Fahrt mit der Rutschbahn wird zu einem kleinen Moment großen Glücks.
„Vielleicht hat Jesus etwas Größeres mit mir vor“
Besonders eindrücklich ist Sathis Antwort auf die Frage nach seinen Zukunftswünschen. Er möchte Toilettenreiniger werden, so wie seine Brüder. Nach seiner Schilderung ist dieser Lebensweg eng mit seiner Kaste verbunden.
Doch dann sagt er etwas, das mich besonders bewegt: Vielleicht habe Jesus etwas Größeres mit ihm vor. Vielleicht wolle Jesus, dass er eines Tages Lehrer oder Schulleiter werde. Dann könne er selbst andere Menschen lehren.
In diesem Moment wird deutlich, wie viel in diesem Jungen steckt. Sathi sieht trotz seiner schwierigen Vergangenheit eine Zukunft vor sich. Er beginnt, sich selbst nicht mehr nur als Ausgestoßenen zu sehen, sondern als Menschen mit Möglichkeiten und einer eigenen Stimme.
Für die Unsichtbaren da sein
Die Begegnung mit Sathi macht deutlich, wie wichtig es ist, Menschen wahrzunehmen, die sonst leicht übersehen werden. Dafür muss man nicht nach Indien reisen. Auch in unserer unmittelbaren Umgebung gibt es Menschen, die offene Ohren, Aufmerksamkeit und ein echtes Gegenüber brauchen.
Markus und Katharina Freudiger setzen sich seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Ärmsten der Armen ein. Rund sieben Jahre lebten sie am Rand eines Slums im indischen Kolkata. Heute leitet Markus als Geschäftsleiter die Lepra-Mission in der Schweiz und engagiert sich im Vorstand von Interaction, dem Dachverband christlicher Hilfswerke. Katharina arbeitet als Kindergärtnerin. Gemeinsam haben sie zwei Kinder.
In ihrer Biografie „Wo Jesus barfuss geht“ erzählen sie von weiteren Begegnungen, die unter die Haut gehen und gleichzeitig Mut machen.
„Vielleicht hat Jesus etwas Größeres mit mir vor.“ Dieser Satz bleibt im Gedächtnis. Er erzählt von Hoffnung, die selbst dort wachsen kann, wo ein Leben zunächst ohne Perspektive erscheint.

Friederike Lober – Rezensentin und Redakteurin bei TVüberregional.de
Friederike Lober schreibt Buchrezensionen, redaktionelle Beiträge und begleitet ausgewählte gesellschaftliche Themen.
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