
Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege: Absolut schockierend
Üppig grüne Landschaften ziehen an uns vorbei, während unsere Delegation durch den Westen Ruandas fährt. Mit einem robusten Kleinbus geht es über erstaunlich gut ausgebaute Straßen in Richtung Osten der Demokratischen Republik Kongo. Unser Ziel ist das Panzi-Spital, das inzwischen weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt ist. Es liegt nur wenige hundert Meter von der Grenze zu Ruanda entfernt.
Dort treffe ich einen Mann, dessen Arbeit mich tief beeindruckt: den kongolesischen Arzt Denis Mukwege. Er erhielt am 10. Dezember 2018 den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz für Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind.
Ein Arzt für die Schwächsten
Denis Mukwege war im Kongo auch für die Lepra-Mission tätig. Heute engagiert er sich als Botschafter für unser Werk und für Menschen, die an Lepra erkrankt sind.
Wir unterstützen bereits seit vielen Jahren Lepra-Projekte in der Demokratischen Republik Kongo. Das war auch der Grund für meine Reise in dieses riesige Land im Herzen Afrikas. Das persönliche Treffen mit Denis Mukwege im Panzi-Krankenhaus war für mich besonders eindrücklich.
Er erzählte uns von seiner täglichen Arbeit und von der schwierigen Situation im Kongo. Dabei berichtete er auch von einzelnen Schicksalen. Seine Erzählungen gingen unter die Haut. Gleichzeitig wurde deutlich, dass er als Arzt unmittelbar helfen kann. Als Gynäkologe behandelt er Frauen und Kinder, die Schreckliches erlebt haben.
Wenn selbst Kinder Opfer werden
Besonders erschütternd war für mich die Schilderung, dass Denis Mukwege immer wieder mit Fällen von Kindern zu tun hat, die noch nicht einmal fünf Jahre alt sind und bereits Opfer sexueller Gewalt geworden sind.
Diese Vorstellung ist kaum auszuhalten. Kinder, die eigentlich Schutz, Geborgenheit und eine unbeschwerte Kindheit erleben sollten, werden zu Opfern schlimmster Gewalt.
Denis Mukwege hat sich immer wieder für diejenigen eingesetzt, die kaum eine eigene Stimme haben: für Leprakranke ebenso wie für Frauen und Kinder, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Sein Einsatz zeigt, was möglich ist, wenn ein Mensch nicht wegschaut, sondern sich den Schwächsten zuwendet.
Hinschauen statt wegschauen
Die Begegnung mit Denis Mukwege hat mich zum Nachdenken gebracht. Das Leid im Kongo ist weit entfernt von unserem Alltag. Trotzdem dürfen wir nicht so tun, als ginge es uns nichts an.
Gerade die Schicksale von Kindern, die Opfer schlimmster Gewalt werden, machen deutlich, wie wichtig es ist, hinzusehen, zuzuhören und die betroffenen Menschen nicht zu vergessen.
Ich bin dankbar, dass Denis Mukwege für seinen Einsatz mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Seine Arbeit steht für Menschlichkeit und für den Einsatz für Menschen, die besonders schutzlos sind.
Was können wir tun?
Natürlich können nicht alle von uns in den Kongo reisen oder direkt vor Ort helfen. Aber wir können uns informieren, zuhören und Organisationen unterstützen, die sich für Menschen in schwierigen Lebenssituationen einsetzen.
Wegschauen macht das Leid nicht ungeschehen. Hinschauen kann jedoch der erste Schritt sein, Verantwortung zu übernehmen.
Die Welt ist miteinander verbunden. Deshalb sollten uns auch die Schicksale von Menschen, die weit entfernt leben, nicht gleichgültig sein. Meine Begegnung mit Denis Mukwege hat mir erneut gezeigt, wie wichtig es ist, für die Schwächsten da zu sein.
„Wo Jesus barfuss geht“
Markus und Katharina Freudiger setzen sich seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Ärmsten der Armen ein. Rund sieben Jahre lebten sie am Rand eines Slums im indischen Kolkata. Heute leitet Markus Freudiger als Geschäftsleiter die Lepra-Mission in der Schweiz und engagiert sich im Vorstand von Interaction, dem Dachverband christlicher Hilfswerke. Katharina arbeitet als Kindergärtnerin. Gemeinsam haben sie zwei Kinder.
In ihrer Biografie „Wo Jesus barfuss geht“ berichten sie von vielen weiteren Begegnungen mit Menschen, deren Lebensgeschichten berühren, erschüttern und gleichzeitig zum eigenen Nachdenken anregen.
Die Begegnung mit Denis Mukwege ist eine dieser Geschichten. Sie zeigt, wie wichtig es ist, die Schwächsten nicht aus dem Blick zu verlieren und ihnen mit Würde, Respekt und Menschlichkeit zu begegnen.

Friederike Lober – Rezensentin und Redakteurin bei TVüberregional.de
Friederike Lober schreibt Buchrezensionen, redaktionelle Beiträge und begleitet Bücher, Autorinnen, Autoren sowie ausgewählte gesellschaftliche Themen mit Feingefühl und journalistischem Blick.
E-Mail: lober.tvueberregional@gmail.com
Webseite: https://lober.tvueberregional.de/
Autorenseite: https://tvueberregional.de/author/flober/
Darüber hinaus schreibt Friederike Lober Buchrezensionen und redaktionelle Beiträge für verschiedene Themenbereiche.
