
Avignon ist eine dieser Städte, die man nicht einfach nur besichtigt. Man muss sie erleben.
Hinter ihren mächtigen Stadtmauern erwarten uns mittelalterliche Gassen, wunderschöne Plätze, kleine individuelle Geschäfte, eine fantastische Markthalle und Restaurants, in denen die provenzalische Küche zelebriert wird.
Und dann ist da natürlich noch das berühmte Theaterfestival, das die Stadt jeden Sommer für einige Wochen völlig verwandelt. Doch so faszinierend dieses Spektakel auch ist: Wir würden Avignon am liebsten im Herbst oder Winter besuchen. Dann gehört die Stadt wieder ihren Bewohnern – und den Besuchern, die das echte Avignon kennenlernen möchten.



Das Theaterfestival – wenn eine ganze Stadt zur Bühne wird
Jedes Jahr im Juli herrscht in Avignon Ausnahmezustand. Während des berühmten Festival d’Avignon verwandelt sich die historische Stadt in eine der größten Theatermetropolen der Welt. Das renommierte offizielle Festival, das sogenannte IN, präsentiert anspruchsvolle Inszenierungen, internationale Theaterproduktionen und experimentelle Aufführungen. Eine der eindrucksvollsten Spielstätten ist der Ehrenhof des gewaltigen Papstpalastes. Theater unter freiem Himmel, umgeben von mittelalterlichen Mauern – allein diese Kulisse ist ein Erlebnis. Noch bunter und turbulenter geht es beim Festival OFF zu. Hunderte Theatergruppen, Schauspieler, Musiker und Kleinkünstler bevölkern die Stadt. Überall hängen bunte Plakate. Ganze Häuserfassaden sind mit Veranstaltungsankündigungen bedeckt. Auf den Straßen verteilen Künstler Handzettel, werben für ihre Stücke und versuchen, Passanten für ihre Aufführungen zu begeistern. Man begegnet Schauspielern in fantasievollen Kostümen, hört Musik aus offenen Türen und entdeckt improvisierte kleine Bühnen in Innenhöfen, ehemaligen Kapellen oder unscheinbaren Räumen. In den Cafés sitzen Theaterleute, diskutieren über Inszenierungen und schmieden neue Projekte. Auf den Plätzen mischen sich Besucher, Schauspieler und Einheimische zu einem einzigen großen Publikum. Die Atmosphäre ist elektrisierend, kreativ, laut, chaotisch und unglaublich lebendig. Allerdings hat dieser Theaterrausch seinen Preis. Im Juli ist Avignon oft brechend voll. Die Restaurants sind gut besucht, die Hotelpreise steigen und in den engen Gassen drängen sich die Menschen. Wer das Theater liebt, sollte dieses Festival unbedingt einmal erleben. Wer dagegen Avignon in Ruhe entdecken möchte, ist zu einer anderen Jahreszeit deutlich besser aufgehoben.


Schon beim ersten Spaziergang durch Avignon wird deutlich, welche Bedeutung diese Stadt einmal hatte. Der Palais des Papes, der gewaltige Papstpalast, gehört zu den größten gotischen Palastanlagen Europas. Im 14. Jahrhundert residierten hier die Päpste, und Avignon wurde für mehrere Jahrzehnte zum Zentrum der katholischen Kirche. Die mächtigen Mauern, Türme und riesigen Innenhöfe wirken beinahe wie eine Festung. Man kann sich gut vorstellen, welche Macht und welchen Reichtum die Stadt damals besaß. Besonders eindrucksvoll ist der weite Place du Palais vor dem Papstpalast. Hier sollte man unbedingt eine Weile stehen bleiben und die monumentale Architektur auf sich wirken lassen. Gleich daneben erhebt sich die Kathedrale Notre-Dame-des-Doms. Von den höher gelegenen Gärten des Rocher des Doms bietet sich ein wunderbarer Blick über die Rhône, die Dächer Avignons und die gegenüberliegenden Hügel.
Natürlich darf auch die berühmte Pont Saint-Bénézet, besser bekannt als Pont d’Avignon, nicht fehlen. Die historische Brücke endet heute mitten im Fluss – und gerade das macht ihren besonderen Reiz aus.


Am schönsten ist es, sich einfach durch die Altstadt treiben zu lassen. Hinter den großen Boulevards entdecken wir ein Labyrinth aus schmalen Gassen, kleinen Durchgängen und überraschend stillen Plätzen. Alte Natursteinfassaden, schmiedeeiserne Balkone, schwere Holztüren und Fensterläden in verblassten Pastellfarben verleihen der Stadt eine wunderbar südfranzösische Atmosphäre. Immer wieder öffnet sich zwischen den Häusern ein kleiner Platz mit einer Kirche, einem Brunnen oder ein paar Tischen unter alten Platanen. Besonders schön ist der Place de l’Horloge mit dem Rathaus, dem Theater und seinen zahlreichen Cafés. Hier pulsiert das Leben. Man kann sich wunderbar niederlassen, einen Café crème bestellen und das Treiben beobachten.
Etwas intimer ist der Place Saint-Pierre vor der gleichnamigen Kirche. Die kunstvoll gestaltete Fassade der Basilika bildet eine wunderschöne Kulisse für die kleinen Restaurants und Cafés.
Auch der Place des Corps Saints gehört zu unseren Lieblingsplätzen. Unter den Platanen herrscht eine entspannte Atmosphäre. Rund um den Brunnen laden Restaurants und kleine Terrassen zum Verweilen ein.



Ein besonders malerischer Winkel ist die Rue des Teinturiers, die Straße der Färber.
Entlang eines schmalen Wasserlaufs stehen alte Häuser, schattenspendende Bäume und historische Wasserräder. Hier befanden sich einst zahlreiche Werkstätten der Textilindustrie. Heute ist die Straße ein romantischer Ort mit kleinen Lokalen, Theatern und einer fast dörflichen Atmosphäre.
Gerade im Herbst, wenn das Laub sich verfärbt und das Licht weicher wird, ist ein Spaziergang hier besonders schön.
Was mir an Avignon besonders gefällt, sind die vielen kleinen, individuellen Geschäfte. Natürlich gibt es auch die üblichen Modeketten. Doch abseits der großen Einkaufsstraßen entdeckt man noch zahlreiche inhabergeführte Boutiquen, Antiquitätenläden, Buchhandlungen, Galerien und Geschäfte mit provenzalischen Spezialitäten. Besonders reizvoll sind die Gassen rund um die Rue Joseph Vernet, die Rue des Fourbisseurs und die kleinen Straßen zwischen dem Place de l’Horloge und der Place Pie. Hier finden sich hübsche Modeboutiquen, Schmuckateliers, Läden mit handgefertigten Wohnaccessoires und Geschäfte, in denen man Olivenöl, Kräuter, Seifen oder andere Spezialitäten aus der Provence kaufen kann. Dazwischen entdecken wir kleine Buchhandlungen und Galerien, die wunderbar zur kulturellen Tradition der Theaterstadt passen. Manchmal sind es gerade die unscheinbaren Geschäfte, in denen man die schönsten Mitbringsel findet: eine handgefertigte Keramikschale, eine duftende Seife, ein besonderes Olivenöl oder eine Flasche Wein aus dem Rhônetal.

Ein absolutes Muss bei jedem Besuch sind die Halles d’Avignon an der Place Pie. Schon von außen fällt das moderne Marktgebäude auf. Eine seiner Fassaden ist mit einem riesigen vertikalen Garten des französischen Botanikers Patrick Blanc begrünt – ein ungewöhnlicher und ausgesprochen schöner Blickfang mitten in der historischen Altstadt. Doch das eigentliche Erlebnis wartet im Inneren. Hier schlägt das kulinarische Herz Avignons. An den Ständen liegen fangfrischer Fisch, Muscheln und Austern neben duftenden Käsesorten, luftgetrockneten Schinken und würzigen Wurstwaren. Es gibt Oliven in allen Variationen, herrliches Gemüse, Kräuter der Provence, frisches Brot, Gebäck und natürlich Weine aus der Region. Die Farben, Gerüche und Geräusche ergeben ein wunderbares Durcheinander.
Händler begrüßen ihre Stammkunden, diskutieren über die Qualität der Tomaten oder empfehlen den passenden Käse zum Wein. Dazwischen schieben sich Köche auf der Suche nach den besten Zutaten für ihre Restaurants. Besonders schön: Die Halles sind nicht nur ein Markt zum Einkaufen, sondern auch ein Ort zum Essen und Genießen. Zwischen den Verkaufsständen befinden sich kleine gastronomische Theken, Bars und unkomplizierte Essensangebote. Hier kann man sich eine Platte mit Wurst und Käse zusammenstellen lassen, frische Meeresfrüchte genießen oder bei einem Glas Wein das Markttreiben beobachten. Ein paar Austern, dazu ein kühler Weißwein aus der Region – und schon ist man mitten im provenzalischen Lebensgefühl angekommen. Auch wer lieber etwas Herzhaftes mag, wird fündig. Je nach Anbieter gibt es warme Gerichte, regionale Spezialitäten und kleine Köstlichkeiten, die man direkt vor Ort genießen kann. Das Schöne ist die ungezwungene Atmosphäre. Man sitzt nicht in einem eleganten Restaurant, sondern mitten im Marktgeschehen. Nebenan kaufen Einheimische fürs Wochenende ein, Händler rufen sich etwas zu und überall wird probiert, gelacht und diskutiert. Wir würden die Halles am liebsten am späten Vormittag besuchen. Dann ist der Markt noch lebendig, und aus einem kleinen Aperitif wird schnell ein wunderbares Mittagessen. Die Markthalle ist normalerweise von Dienstag bis Sonntag am Vormittag geöffnet, montags bleibt sie geschlossen.
So faszinierend das Theaterfestival im Juli ist, so sehr verändert es die Stadt. Im Sommer sind die Gassen voller Menschen, die Restaurants oft ausgebucht und die Temperaturen können sehr hoch werden. Im Herbst und Winter zeigt Avignon dagegen seine angenehmere, ruhigere Seite. Im Oktober und November ist das Licht besonders schön. Die Sonne steht tiefer, die Fassaden leuchten in warmen Farbtönen und auf den Plätzen kann man häufig noch draußen sitzen. Jetzt hat man Zeit, die Altstadt wirklich zu entdecken. Man kann durch die Gassen schlendern, in kleinen Geschäften stöbern, eine Ausstellung besuchen und anschließend ganz in Ruhe in einem Bistro einkehren. Auch die Halles sind in dieser Jahreszeit ein besonderes Erlebnis. Statt sommerlicher Touristenströme begegnet man hier vor allem den Menschen aus Avignon, die ihre Einkäufe erledigen und sich auf einen Kaffee oder ein Glas Wein treffen. Im Winter wird es noch stiller.
