Über die Kunst, alles zu verstehen – außer sich selbst

Eine ebenso bissige wie melancholische Geschichte über Liebe, Lebenslügen, gesellschaftliche Rollen und die Schwierigkeit, einen anderen Menschen wirklich an sich heranzulassen.

Professor Dr. Tobias Rosenblatt ist ein Mann mit festen Überzeugungen. Er weiß, was er will, was er nicht will und vor allem, was er von seinen Mitmenschen hält. Seine Urteile fallen selten freundlich aus, dafür umso pointierter. Er ist gebildet, wohlhabend, scharfzüngig und mit einer bemerkenswerten Fähigkeit ausgestattet, jede menschliche Schwäche zu analysieren – vorzugsweise die der anderen. Für die Irrationalität zwischenmenschlicher Beziehungen hat er wenig Verständnis. Schließlich hat ihn seine eigene Biografie gelehrt, dass emotionale Bindungen vor allem eines bedeuten: Ärger.

Rosenblatt hat sich deshalb ein Leben eingerichtet, in dem er möglichst wenig dem Zufall überlassen möchte. Seine akademische Karriere, seine finanziellen Verhältnisse und seine persönlichen Vorlieben geben ihm das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle zu haben. Er liebt schnelle Autos, elegante Kleidung, guten Wein und Musik vergangener Jahrzehnte. Beziehungen dagegen betrachtet er mit einer Mischung aus Skepsis und Zynismus. Dass seine demonstrative Unabhängigkeit weniger Ausdruck innerer Freiheit als vielmehr das Ergebnis schmerzhafter Erfahrungen ist, wird im Verlauf des Romans zunehmend deutlich.

Mit Laia Gruber begegnet ihm eine Frau, die seine Gewissheiten infrage stellt. Die erfolgreiche Fernsehmoderatorin ist selbstbewusst, schlagfertig und gesellschaftlich bestens vernetzt. Doch auch sie hat Enttäuschungen erlebt und gelernt, ihre Verletzlichkeit hinter einer professionellen Fassade zu verbergen. Was die beiden verbindet, ist zunächst weniger romantische Leidenschaft als die überraschende Erfahrung, mit einem anderen Menschen offen sprechen zu können, ohne ständig eine Rolle spielen zu müssen.

Aus dieser Begegnung entwickelt Torben Vinzenz eine ebenso unterhaltsame wie nachdenkliche Geschichte über zwei Menschen, die im Leben vieles erreicht haben, aber ausgerechnet mit ihren eigenen Gefühlen nicht zurechtkommen.

Zwei erfolgreiche Menschen und die Angst, nicht dazuzugehören

Eine der interessantesten Gemeinsamkeiten der beiden Hauptfiguren liegt in ihrer sozialen Herkunft. Weder Tobias noch Laia sind selbstverständlich in jene gesellschaftlichen Kreise hineingewachsen, in denen sie sich heute bewegen. Beide haben sich ihren Status erarbeitet und dabei erfahren, dass Bildung, Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung nicht automatisch das Gefühl vermitteln, wirklich dazuzugehören.

Rosenblatt hat früh gelernt, wie wichtig die äußeren Zeichen gesellschaftlichen Erfolgs sein können. Seine Vorliebe für hochwertige Kleidung, klassische Automobile und kultivierte Umgangsformen ist deshalb mehr als eine Ansammlung kostspieliger Hobbys. Sie gehört zu einer Identität, die er sich bewusst geschaffen hat. Der Professor, der heute scheinbar mühelos über gesellschaftliche Konventionen spottet, war einmal ein junger Mann, der die Spielregeln einer Welt erst lernen musste, zu der er unbedingt gehören wollte.

Laia hat auf ihre Weise eine ähnliche Entwicklung durchlaufen. Als Fernsehmoderatorin beherrscht sie die öffentliche Inszenierung ihrer Persönlichkeit perfekt. Sie versteht es, Menschen für sich einzunehmen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und ihnen das Gefühl zu geben, wichtig zu sein. Doch auch ihre Souveränität ist das Ergebnis eines langen Lernprozesses. Hinter der erfolgreichen Frau steht ein Mensch, der weiß, wie es sich anfühlt, unterschätzt oder ausgegrenzt zu werden.

Diese Parallele verleiht ihrer Beziehung eine besondere Tiefe. Beide haben gelernt, sich eine Persönlichkeit zuzulegen, die sie vor den Urteilen anderer schützt. Beide haben dabei einen Teil ihrer ursprünglichen Unbefangenheit verloren. Und beide erkennen im anderen etwas wieder, das sie an sich selbst nur ungern wahrhaben wollen.

Es ist deshalb kein Zufall, dass sie einander gerade dort nahekommen, wo die gesellschaftlichen Rollen ihre Bedeutung verlieren.

Ein Erzähler, dem man nicht alles glauben sollte

Die größte literarische Stärke des Romans liegt in seiner ungewöhnlichen Erzählstimme.

Tobias Rosenblatt erzählt seine Geschichte mit einer Mischung aus Sarkasmus, Selbstironie, Provokation und gelegentlich verblüffender Offenheit. Er kommentiert sein eigenes Verhalten, rechtfertigt seine Entscheidungen und nimmt die Reaktionen seiner Mitmenschen häufig schon vorweg, bevor diese überhaupt Gelegenheit hatten, sich zu äußern.

Dabei entsteht der Eindruck eines Mannes, der selbst dann noch die Kontrolle behalten möchte, wenn er von seinen größten Niederlagen berichtet.

Gerade diese Art der Selbstdarstellung macht den Roman interessant. Denn zwischen dem Bild, das Rosenblatt von sich entwirft, und dem Menschen, der hinter seinen Erzählungen sichtbar wird, besteht eine erhebliche Diskrepanz.

Er behauptet, unabhängig zu sein, leidet aber unter Einsamkeit. Er verspottet romantische Vorstellungen, sehnt sich jedoch nach emotionaler Nähe. Er hält sich für einen nüchternen Rationalisten, trifft aber immer wieder Entscheidungen, die von verletztem Stolz, Angst oder Sehnsucht bestimmt werden.

Der Leser muss deshalb lernen, dem Erzähler zuzuhören, ohne ihm immer zu glauben.

Besonders reizvoll sind die Momente, in denen Rosenblatt seine eigene Widersprüchlichkeit durchaus erkennt, daraus aber keineswegs die naheliegenden Konsequenzen zieht. Seine Selbstironie wird dann zu einer weiteren Verteidigungsstrategie: Wer die eigenen Fehler zuerst benennt, kann verhindern, dass andere sie gegen ihn verwenden.

Eine besondere erzählerische Qualität entsteht zudem durch Laias Kommentare und Einwürfe, die Rosenblatts Darstellung immer wieder ergänzen oder korrigieren. Seine vermeintliche Deutungshoheit wird dadurch aufgebrochen. Der Leser erhält Einblick in eine Beziehung, in der sich zwei Menschen nicht nur miteinander auseinandersetzen, sondern auch darum ringen, wer die gemeinsame Geschichte eigentlich erzählen darf.

Humor als Schutz vor Verletzlichkeit

Der Humor des Romans ist selten harmlos.

Rosenblatt verspottet gesellschaftliche Konventionen, akademische Eitelkeiten, politische Überzeugungen und menschliche Unzulänglichkeiten mit einer Rücksichtslosigkeit, die gelegentlich an die Grenzen des guten Geschmacks geht. Seine Kommentare sind oft boshaft, manchmal ausgesprochen derb und nicht immer gerecht.

Das kann anstrengend sein. Doch gerade die Übertreibung gehört zum Charakter dieser Figur.

Rosenblatt benutzt seinen Witz wie eine Waffe. Er schafft Distanz, bevor andere ihm zu nahekommen können. Er macht sich über Gefühle lustig, bevor er zugeben muss, dass er selbst welche hat. Und er verwandelt schmerzhafte Erinnerungen in komische Anekdoten, um ihnen ihre Bedrohlichkeit zu nehmen.

Darin liegt eine der tragikomischen Qualitäten des Romans: Der Leser lacht über einen Mann, der häufig gerade deshalb komisch ist, weil er verzweifelt versucht, seine Verletzlichkeit zu verbergen.

Vinzenz gelingt es immer wieder, diesen Mechanismus offenzulegen, ohne seinen Protagonisten vollständig zu entzaubern. Hinter dem großspurigen Professor wird allmählich ein Mensch sichtbar, dessen Selbstbewusstsein auf einem erstaunlich unsicheren Fundament steht.

Die dunkle Seite eines scheinbar gelungenen Lebens

So unterhaltsam der Roman über weite Strecken ist, so deutlich wird mit zunehmender Lektüre, dass sich hinter seiner komischen Oberfläche eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Einsamkeit, Verlust und seelischer Erschöpfung verbirgt.

Rosenblatts gescheiterte Ehe, die Entfremdung von seinem Sohn und seine Schwierigkeiten, dauerhafte Beziehungen einzugehen, haben tiefe Spuren hinterlassen. Sein Alkoholkonsum und seine gelegentlich selbstzerstörerischen Verhaltensweisen zeigen, wie wenig seine demonstrative Lebensfreude mit tatsächlicher Zufriedenheit gleichzusetzen ist.

Auch Laia ist keineswegs die unbeschwerte, selbstsichere Frau, als die sie öffentlich erscheint. Ihre berufliche Professionalität steht in einem schmerzhaften Gegensatz zu ihrer inneren Erschöpfung. Die Fähigkeit, anderen Menschen Aufmerksamkeit und Verständnis entgegenzubringen, bedeutet nicht zwangsläufig, selbst glücklich zu sein.

Beide Figuren haben gelernt, zu funktionieren. Beide haben sich ein Leben aufgebaut, das von außen betrachtet beneidenswert erscheinen könnte. Doch beide stehen vor der Erkenntnis, dass äußerer Erfolg keine Antwort auf die Frage gibt, was ein erfülltes Leben eigentlich ausmacht.

Gerade in den stilleren Passagen entfaltet der Roman seine größte emotionale Wirkung. Wenn Rosenblatt für einen Augenblick auf seine üblichen Pointen verzichtet, wenn Laia ihre professionelle Selbstbeherrschung verliert oder wenn die beiden einander ohne ironische Distanz begegnen, entsteht eine Nähe, die weit überzeugender ist als jede romantische Liebeserklärung.

Liebe als Herausforderung an das eigene Selbstbild

Der Titel Liebe ist keine Wissenschaft, Herr Professor. bringt den zentralen Konflikt des Romans auf den Punkt.

Tobias Rosenblatt ist gewohnt, Probleme zu analysieren, Zusammenhänge zu erkennen und rationale Entscheidungen zu treffen. Seine intellektuellen Fähigkeiten haben ihm geholfen, beruflich erfolgreich zu werden und sich gesellschaftlich zu behaupten. Im Umgang mit seinen eigenen Gefühlen erweisen sich dieselben Fähigkeiten jedoch häufig als Hindernis.

Er möchte verstehen, bevor er vertraut. Er möchte Risiken berechnen, bevor er sich auf etwas einlässt. Und er möchte Gewissheit, wo es keine geben kann.

Laia stellt dieses Weltbild infrage, ohne selbst über einfache Antworten zu verfügen. Auch sie hat ihre Erfahrungen mit gescheiterten Beziehungen gemacht und gute Gründe, emotional vorsichtig zu sein.

Gerade deshalb entwickelt sich zwischen beiden eine Beziehung, die nicht auf romantischen Illusionen beruht. Sie begegnen einander als Menschen mit einer Vergangenheit, mit Verletzungen, Vorurteilen und festgefahrenen Vorstellungen vom Leben.

Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, den anderen zu verändern, sondern darin, die eigenen Schutzmechanismen zu erkennen und möglicherweise aufzugeben.

Dabei vermeidet der Roman weitgehend die Vorstellung, Liebe könne sämtliche Probleme lösen. Gefühle machen Menschen nicht automatisch klüger, großzügiger oder weniger widersprüchlich. Und auch die Begegnung mit einem Menschen, der einen wirklich versteht, bedeutet nicht, dass die eigene Vergangenheit plötzlich ihre Macht verliert.

Gerade diese Ambivalenz macht die Geschichte glaubwürdig.

Ein eigenwilliger Roman mit Ecken und Kanten

Allerdings ist Liebe ist keine Wissenschaft, Herr Professor. kein Roman, der es seinen Lesern immer leicht macht.

Rosenblatts ausufernde Monologe, seine sexuellen Anspielungen und seine mitunter demonstrativ provokanten Urteile können ermüdend wirken. Nicht jede Pointe ist gelungen, und gelegentlich droht die Handlung hinter den zahlreichen Abschweifungen zurückzutreten.

Auch die ausführlichen Exkurse über Automobile, Kleidung, Musik, Gastronomie und akademische Gepflogenheiten dürften die Leserschaft spalten. Einerseits verleihen sie der Hauptfigur ein unverwechselbares Profil. Andererseits bremsen sie bisweilen den Erzählfluss.

Hinzu kommt, dass der Roman seinem Protagonisten sehr viel Raum zur Selbstdarstellung gibt. Rosenblatt ist häufig so schlagfertig, dass seine Gesprächspartner kaum Gelegenheit erhalten, ihm auf Augenhöhe zu widersprechen. Umso wichtiger sind die Szenen, in denen Laia seine Gewissheiten erschüttert und seine Selbstinszenierung durchschaut.

Auch die teilweise drastische Sprache und die unverblümten sexuellen Schilderungen werden nicht jeden Geschmack treffen. Wer eine zurückhaltend erzählte Liebesgeschichte erwartet, dürfte von diesem Roman überrascht werden.

Seine gelegentliche Maßlosigkeit ist jedoch zugleich Teil seines besonderen Charakters. Vinzenz erzählt nicht von einem sympathischen Helden, der durch die Liebe zu einem besseren Menschen wird. Er erzählt von einem schwierigen Mann, der sich selbst oft genug im Weg steht und dessen Entwicklung gerade deshalb interessant ist, weil sie nicht geradlinig verläuft.

Fazit: Die Grenzen der Vernunft

Liebe ist keine Wissenschaft, Herr Professor. ist ein ungewöhnlicher, streckenweise derber, häufig sehr komischer und immer wieder überraschend melancholischer Roman über die Widersprüche menschlicher Beziehungen.

Seine eigentliche Stärke liegt nicht in einer spektakulären Handlung, sondern in der psychologischen Zeichnung zweier Menschen, die sich ihre gesellschaftliche Position hart erarbeitet haben und dabei gelernt haben, ihre Verletzlichkeit hinter sorgfältig konstruierten Persönlichkeiten zu verbergen.

Torben Vinzenz verbindet scharfzüngigen Humor mit einer ernsthaften Auseinandersetzung über Einsamkeit, emotionale Abhängigkeit und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Dabei entsteht eine Geschichte, die sich ebenso sehr mit den Folgen vergangener Verletzungen beschäftigt wie mit der Möglichkeit eines neuen Anfangs.

Nicht jede Abschweifung ist notwendig, nicht jede Provokation überzeugend. Doch die erzählerische Eigenwilligkeit, die Widersprüchlichkeit der Figuren und die Mischung aus Komik und Melancholie verleihen dem Roman eine unverwechselbare Stimme.

Am Ende geht es um eine ebenso einfache wie schwierige Erkenntnis: Man kann sich Wissen aneignen, beruflich erfolgreich sein, gesellschaftliche Anerkennung gewinnen und die Welt mit beeindruckender Scharfsinnigkeit analysieren. Aber all das hilft nur begrenzt, wenn man lernen muss, einem anderen Menschen zu vertrauen.

Vielleicht ist die größte Herausforderung für Professor Rosenblatt deshalb nicht, die Liebe zu verstehen, sondern zu akzeptieren, dass sie sich nicht verstehen lassen muss, um wirklich zu sein.