Das Nordelsass hat weit mehr zu bieten als Fachwerkhäuser, Flammkuchen und guten Wein. In Wingen-sur-Moder, einem kleinen Ort in den Nordvogesen, erwartet uns ein Museum, das selbst Kunstmuffel begeistern dürfte: das Musée Lalique.
Und ganz in der Nähe begegnen wir einer völlig anderen Seite der Geschichte – den gewaltigen Festungsanlagen der Maginot-Linie.
René Lalique – ein Künstler mit außergewöhnlicher Fantasie
René Lalique (1860–1945) war einer der bedeutendsten Schmuck- und Glaskünstler seiner Zeit. Seine Karriere begann er als Schmuckdesigner, bevor er die Glasgestaltung revolutionierte.
Im Musée Lalique, das 2011 eröffnet wurde, können wir diese Entwicklung wunderbar nachvollziehen. Mehr als 650 Exponate erzählen von einem Künstler, der aus alltäglichen Gegenständen kleine Kunstwerke machte.
Besonders faszinierend sind seine Schmuckstücke aus der Zeit des Jugendstils. Statt ausschließlich auf kostbare Edelsteine zu setzen, kombinierte Lalique Gold, Emaille, Horn, Glas und Halbedelsteine. Seine Motive fand er häufig in der Natur: Libellen, Schmetterlinge, Schlangen, Blumen und geheimnisvolle Frauengestalten.
Manche Schmuckstücke wirken wie winzige Skulpturen. Andere sind so filigran gearbeitet, dass man kaum glauben kann, wie sie vor über hundert Jahren entstanden sind.
Später wandte sich Lalique verstärkt der Glaskunst zu. Besonders berühmt wurden seine Parfümflakons, die er unter anderem für den Parfümeur François Coty entwarf.
Was zuvor meist nur eine einfache Verpackung war, wurde durch Lalique selbst zum begehrten Kunstobjekt. Seine Flakons sind mal verspielt, mal elegant und manchmal geradezu extravagant.
Ebenso beeindruckend sind die kunstvollen Vasen und Schalen mit ihren Pflanzen-, Tier- und Frauenmotiven. Typisch für Lalique ist das Zusammenspiel von mattiertem und klarem Glas, das seinen Arbeiten eine besondere Tiefe verleiht.
Ein weiterer Höhepunkt sind die gläsernen Kühlerfiguren, die einst die Motorhauben luxuriöser Automobile schmückten. Adler, Pferde oder elegante Frauenfiguren wurden so zu rollenden Statussymbolen.
Auch Leuchten, Tischdekorationen und kunstvolle Kristallobjekte zeigen, wie vielseitig Lalique arbeitete.
Besonders schön ist, dass das Museum nicht nur fertige Kunstwerke präsentiert, sondern auch Einblicke in die aufwendige Herstellung gibt. Formenbau, Glasblasen, Schleifen und Polieren machen deutlich, wie viel handwerkliches Können hinter den glänzenden Objekten steckt.
Dass sich das Museum ausgerechnet in Wingen-sur-Moder befindet, ist kein Zufall. Hier gründete Lalique 1921 seine Glasmanufaktur, in der die Tradition bis heute fortgeführt wird.
Nur eine kurze Autofahrt entfernt liegen die gewaltigen Befestigungsanlagen der Maginot-Linie, die Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg zum Schutz vor einem erneuten deutschen Angriff errichten ließ.
Besonders eindrucksvoll sind das Fort Schoenenbourg bei Hunspach und das Festungswerk Four-à-Chaux bei Lembach. Unterirdische Gänge, Mannschaftsunterkünfte und schwere Geschütze vermitteln eine beklemmende Vorstellung vom militärischen Denken jener Zeit.
Die Anlagen erinnern an die Perversion zweier Weltkriege: Millionen Menschen starben, ganze Regionen wurden verwüstet und dennoch bereitete man sich mit ungeheurem Aufwand auf den nächsten Krieg vor.
Gerade das Elsass, das mehrfach zwischen Deutschland und Frankreich wechselte, musste darunter besonders leiden.
Umso beeindruckender ist es, dass Deutschland und Frankreich heute enge Freunde und Partner sind.
Was nach zwei verheerenden Weltkriegen kaum vorstellbar schien, wurde durch die deutsch-französische Versöhnung Wirklichkeit. Heute überqueren wir die Grenze ganz selbstverständlich, genießen die Kultur des Nachbarn und entdecken gemeinsam eine Region, die einst Schauplatz erbitterter Kämpfe war.
Prof. Dr. Thorsten Krings: Thorsten Krings bei TVüberregional · Offizielle Website









