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Mehr Teilhabe beginnt schon bei der Wahl
Gastbeitrag von Alexander Scheuerer zur Nürnberger Behindertenratswahl am 26. Oktober 2026
Der Nürnberger Behindertenrat leistet seit vielen Jahren wichtige Arbeit. Er setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Behinderungen in unserer Stadt gehört werden und besser am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Gemeinsam mit der Stadt Nürnberg hat er bereits einiges erreicht. Das verdient Anerkennung.
Auch der Behindertenrat macht auf die bevorstehende Wahl aufmerksam. Peter Vogt hat beispielsweise auf Instagram dazu aufgerufen, im eigenen Bekanntenkreis über die Wahl zu sprechen. Das finde ich gut. Auf meine schriftliche Anfrage hin hat er mir außerdem freundlich ein Telefongespräch angeboten.
Trotzdem gibt es aus meiner Sicht einige Punkte, über die wir nachdenken sollten.
Engagement kann andere ermutigen
Ich selbst bin seit 2013 mit dem Betreuten Einzelwohnen der Stadtmission Nürnberg am Berliner Platz verbunden. Auch meine Mitkandidatin Svenja lebt in diesem Umfeld. Eine weitere Mitkandidatin ist bereits seit 21 Jahren dort. Unsere Einrichtung unterstützt uns, steht unseren Ideen offen gegenüber und ist stolz auf unser Engagement. Auch von anderen Menschen erhalten wir viel positives Feedback.
Besonders freut mich, dass unser Einsatz andere ermutigt. Unsere dritte Mitkandidatin hat sich durch unsere Aktivitäten dazu entschlossen, selbst zu kandidieren. Inzwischen ruft sie bei Einrichtungen an und hilft mit, die Wahl bekannter zu machen. Daran sehe ich, dass Engagement etwas bewegen kann.
Gerade für Menschen mit seelischen Behinderungen geht manches nur in kleinen Schritten voran. Doch auch ein kleiner Schritt kann ein großer Erfolg sein. Wenn man erlebt, dass man etwas bewirken kann, traut man sich häufig wieder mehr zu. Für mich gehört auch das zu gelebter Inklusion.
Wir drei bringen unterschiedliche Erfahrungen mit, haben aber ein gemeinsames Anliegen: Menschen mit seelischen Behinderungen sollen besser gehört werden. Viele ihrer Schwierigkeiten sind von außen nicht sichtbar. Trotzdem können sie den Alltag und die gesellschaftliche Teilhabe erheblich beeinflussen.
Barrierefreiheit bedeutet mehr als einen stufenlosen Eingang
Die Nürnberger Behindertenratswahl findet am 26. Oktober in der Meistersingerhalle statt. Das Gebäude ist barrierefrei zugänglich. Aber Barrierefreiheit bedeutet für mich mehr als einen stufenlosen Eingang.
Nicht jeder Mensch kann ohne Weiteres zu einer Wahlveranstaltung kommen. Manche benötigen eine Begleitung oder einen Fahrdienst. Andere haben Schwierigkeiten mit großen Menschenansammlungen, ungewohnten Wegen oder der Anreise am Abend. Auch Änderungen im Nahverkehr, beispielsweise durch Schienenersatzverkehr, können zusätzliche Hürden darstellen.
Bei seelischen Erkrankungen kommt hinzu, dass sich der Gesundheitszustand verändern kann. Manchmal tritt kurzfristig eine Krise auf. Wer ausgerechnet am Wahlabend nicht aus dem Haus kann, hat möglicherweise keine Gelegenheit, seine Stimme abzugeben, obwohl er gerne mitentscheiden würde.
Deshalb frage ich mich: Wie können auch Menschen an der Wahl teilnehmen, die aus gesundheitlichen Gründen an diesem Abend nicht persönlich kommen können?
Eine Möglichkeit wäre eine Briefwahl auf Antrag oder eine andere geeignete Form der Stimmabgabe. Mir ist vor allem wichtig, dass diese Menschen überhaupt eine Wahlmöglichkeit haben. Würzburg und Freiburg zeigen, dass Briefwahl auch bei Wahlen zu Behindertenbeiräten möglich ist. Natürlich müssten dafür organisatorische, rechtliche und finanzielle Fragen geklärt werden. Aber darüber könnte man gemeinsam sprechen.
Die Wahl muss bekannter werden
Ein weiteres Thema ist die Bekanntheit der Wahl. In den vergangenen Wochen habe ich viele soziale Einrichtungen und andere Anlaufstellen kontaktiert. Dabei bin ich auf Menschen getroffen, die von der Behindertenratswahl noch gar nichts wussten.
Gleichzeitig habe ich viel Unterstützung erlebt. Kirchengemeinden, soziale Einrichtungen und Kulturläden waren bereit, Informationen auszulegen oder auf die Wahl aufmerksam zu machen. Andere wollten gegenüber einzelnen Kandidierenden lieber neutral bleiben. Das kann ich verstehen. Doch über eine Wahl zu informieren, ist aus meiner Sicht etwas anderes, als Werbung für eine bestimmte Person zu machen.
Auch über die Kandidatinnen und Kandidaten könnte man mehr erfahren. Ein Foto und ein paar Sätze im Internet vermitteln nur einen begrenzten Eindruck davon, welche Erfahrungen jemand mitbringt und welche Themen ihm wichtig sind.
Ich würde mir deshalb mehr Gelegenheiten wünschen, bei denen sich alle Kandidierenden unter fairen Bedingungen vorstellen und Fragen beantworten können.
Unterschiedliche Erfahrungen müssen gehört werden
Im Behindertenrat sollten die unterschiedlichen Erfahrungen von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen ihren Platz haben. Wie können wir insbesondere Menschen mit seelischen Behinderungen ermutigen, sich einzubringen und vielleicht selbst zu kandidieren? Auch darüber lohnt es sich nachzudenken.
Bei uns im Betreuten Einzelwohnen interessieren sich inzwischen viele Menschen für die Wahl. Sie unterstützen einander und organisieren sogar Fahrgemeinschaften. Das finde ich schön. Gleichzeitig denke ich an diejenigen, die ein solches Umfeld nicht haben. Auch sie sollten möglichst gut an der Wahl teilnehmen können.
Inklusion muss im Alltag gelebt werden
Durch die Stadtmission habe ich selbst viel Unterstützung erfahren. Mit meinem Engagement möchte ich etwas davon zurückgeben.
Mir geht es nicht darum, die Arbeit des Behindertenrats schlechtzureden. Ich möchte vielmehr dazu beitragen, gemeinsam Verbesserungen zu finden. Denn über Inklusion wird viel gesprochen. Sie sollte aber nicht nur ein Wort bleiben, sondern im Alltag gelebt werden.
Dazu gehört für mich auch, dass Menschen mitentscheiden können. Ob ich selbst gewählt werde oder nicht: Eine leichter zugängliche Wahl bleibt mir wichtig.
Denn Teilhabe sollte nicht davon abhängen, ob jemand an einem einzigen Abend gesundheitlich in der Lage ist, persönlich anwesend zu sein.
