Gastkommentar von Prof. Dr. Thorsten Krings

Prof. Dr. Thorsten Krings – Gastkommentar über die lautstarke Inkompetenz
Prof. Dr. Thorsten Krings. Foto: mit freundlicher Genehmigung.

In der wissenschaftlichen Praxis verbringt man oft Jahre – wenn nicht Jahrzehnte – damit, ein einzelnes, hochspezifisches Fachgebiet zu durchdringen. Man lernt primär eines: wie unendlich komplex die Welt ist, wie methodisch sauber Quellen geprüft werden müssen und wie viel man selbst eigentlich noch nicht weiß. Echte intellektuelle Reife zeichnet sich durch die Fähigkeit zur Selbstkorrektur und die Demut vor dem Wissen aus.

Umso faszinierender – und zuweilen auch ermüdender – ist der Blick auf den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs. Wir erleben eine beispiellose Epoche, in der fundierte Expertise zunehmend durch die schiere Lautstärke der Unwissenden ersetzt wird.

In der Psychologie ist dieses Phänomen als Dunning-Kruger-Effekt hinlänglich beschrieben. Das bittere Paradoxon dieses Effekts liegt in seiner eigenen Natur: Wer über keinerlei methodisches Werkzeug, keine Bildung und kein tieferes Hintergrundwissen verfügt, dem fehlt folgerichtig auch die kognitive Kapazität, das Ausmaß der eigenen Inkompetenz überhaupt zu erfassen.

Wo der geschulte Verstand komplexe geopolitische, wirtschaftliche oder wissenschaftliche Zusammenhänge differenziert analysiert, sieht der ungebildete Geist eine Einladung zur sofortigen, unfehlbaren Meinungsbildung. Plötzlich mutiert das mangelhafte Verständnis von Ursache und Wirkung zu einer „ganz besonderen Wahrheit“. Man gefällt sich in der Rolle des vermeintlichen Querdenkers, der als Einziger den „Durchblick“ hat, während man in Wahrheit lediglich unfähig ist, Primärquellen von manipulativer Desinformation zu unterscheiden.

Früher galt das Prinzip, dass man in Bereichen, von denen man nachweislich nichts versteht, schweigt und jenen zuhört, die ihr Leben der Forschung und dem Erkenntnisgewinn gewidmet haben. Man ging dorthin, um zu lernen. Heute wird das eigene Unwissen wie ein stolzer Orden vor sich hergetragen. Emotionale Zuspitzung und Stammtisch-Polemik ersetzen die rationale Argumentation.

Es ist eine tragische Ironie der Gegenwart: Diejenigen, die am wenigsten wissen, reden am lautesten. Und sie merken nicht einmal, dass ihre vermeintliche Aufklärung nichts weiter ist als das laute Echo ihrer eigenen kognitiven Limitationen. Ein Mindestmaß an intellektueller Bescheidenheit täte diesem Diskurs gut. Doch um zu wissen, wann man schweigen sollte, müsste man erst einmal begreifen, was man alles nicht weiß.

© Prof. Dr. Thorsten Krings


Gastkommentar: Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder.

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