
# Audiopedia: Wie aus kleinen Speicherkarten ein internationales Wissensnetzwerk entsteht
Der Sommer steht für viele Menschen für Reisen, neue Orte und eine kleine Auszeit vom Alltag. Auch bei Audiopedia hat sich in den vergangenen Monaten viel bewegt. Allerdings geht es dabei weniger um geografische Reisen als um die Entwicklung einer Idee: Aus einzelnen Projekten und Initiativen entsteht zunehmend ein internationales Netzwerk.
Immer häufiger werden Audiopedia-Inhalte nicht nur von den eigenen Projektteams entwickelt, sondern von Partnerorganisationen, Kommunen, Unternehmen und Ehrenamtlichen aufgegriffen und in deren Arbeit integriert. Besonders deutlich wird diese Entwicklung bei der sogenannten Kartenretter-Initiative und bei verschiedenen Projekten in Afrika.
Alte microSD-Karten bekommen ein zweites Leben
Vor zwei Jahren war kaum absehbar, dass gebrauchte microSD-Karten einmal von ganzen Städten und Landkreisen gesammelt werden könnten. Inzwischen beteiligen sich neben engagierten Ehrenamtlichen aus Kassel auch die Landeshauptstadt Mainz und der Landkreis Birkenfeld an der Kartenretter-Initiative.
In Mainz wird die Sammelaktion durch das Agenda-Büro koordiniert. Im Landkreis Birkenfeld baut der Abfallwirtschaftsbetrieb derzeit entsprechende Strukturen auf.
Die gebrauchten Speicherkarten werden gesammelt, sorgfältig gelöscht und anschließend mit Hörwissen in lokalen Sprachen bespielt. Danach gelangen sie in verschiedene Projekte in Afrika. Dort können einfache Mobiltelefone mit den Karten zu kleinen Wissensbibliotheken werden, die auch ohne Internetzugang genutzt werden können.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt die Initiative durch ein Kartenretter-Video des Offenen Kanals Landau. Für Audiopedia ist dabei besonders wichtig, dass immer mehr Menschen die Idee weitertragen und selbst Teil des Projekts werden.
Nordnigeria: Hörwissen erreicht rund 970 Menschen
Wie sich aus einem zunächst kleinen Pilotprojekt ein größeres Angebot entwickeln kann, zeigt das Beispiel Nordnigeria. Rund 970 Menschen wurden dort nach den vorliegenden Informationen bereits erreicht. Im Mittelpunkt stehen vor allem Frauen und junge Menschen in Gemeinden rund um Kaduna.
Die Inhalte werden nicht lediglich verteilt. In kleinen Lerngruppen hören die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam über Mobiltelefone oder Radios und tauschen sich anschließend über das Gehörte aus.
Besonders großes Interesse besteht an neuen Hausa-Audios zur Frauengesundheit. Dazu gehören Themen rund um Schwangerschaft und Kindergesundheit. Nach den vorliegenden Erfahrungen berichteten mehrere Frauen, dass sie durch die Inhalte erstmals Zusammenhänge verstanden hätten, die sie bereits seit langer Zeit begleiteten.
Über eine WhatsApp-Gruppe können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerdem miteinander sowie mit dem Projektmanager in Kontakt bleiben. Dort können Fragen gestellt und neue Inhalte erhalten werden. Auf diese Weise entwickelt sich aus einzelnen Hörtreffen Schritt für Schritt eine dauerhaft lernende Gemeinschaft.
Kakuma: Audiopedia-Karten für Frauen im Flüchtlingslager
Auch im Flüchtlingslager Kakuma im Norden Kenias wurde inzwischen eine erste Verteilaktion der Audiopedia-Karten durchgeführt. Dutzende Frauen kamen dafür aus verschiedenen Teilen des Lagers zusammen.
Die Karten enthalten Audiobeiträge in Kiswahili. Die Themen reichen von Gesundheit und persönlicher Entwicklung bis hin zu Schutz und praktischen Fragen des Alltags. Die Inhalte können offline über einfache Mobiltelefone oder kleine Lautsprecher abgerufen werden.
Bei der ersten Verteilaktion wurde gleichzeitig deutlich, wie groß der Bedarf ist. Die vorhandenen Karten reichten nicht für alle Frauen aus, die zu der Veranstaltung gekommen waren.
Eine Teilnehmerin beschrieb nach Angaben von Audiopedia, dass sie sich durch die Initiative gesehen und ermutigt fühle. Das Feedback wird zugleich als Ansporn verstanden, das noch junge Projekt gemeinsam mit der Partnerorganisation Restore Hope for Street Children und mit Unterstützung von ELAN e. V. weiterzuentwickeln.
Ruanda: Projekt für rund 3.000 Menschen geplant
In Ruanda soll aus ersten Karten, die Ende des vergangenen Jahres an AVEGA übergeben wurden, ein umfassenderes Projekt entstehen. Innerhalb eines Jahres sollen rund 3.000 Frauen, Jugendliche und Familien mit Audio-Wissen zur psychischen Gesundheit und psychosozialen Unterstützung erreicht werden.
Die Karten sollen dabei nicht einfach nur verteilt werden. Psychologinnen und Psychologen sowie geschulte lokale Begleiterinnen und Begleiter sollen die Inhalte in Hörgruppen und bei Gemeindetreffen einsetzen. Sie moderieren Gespräche und sammeln regelmäßig Rückmeldungen.
Darüber hinaus ist vorgesehen, zu Beginn und am Ende des Projekts zu untersuchen, wie sich Wissen, Einstellungen und der Umgang mit psychischen Belastungen verändern.
Finanziell unterstützt werden soll das Vorhaben durch den in Landau ansässigen Freundeskreis Ruhango-Kigoma. Zusätzlich wird die Deutsche Postcode Lotterie als Unterstützerin des Projekts genannt.
Wenn technische Geräte da sind, aber Wissen fehlt
Ein weiteres Audiopedia-Projekt beschäftigt sich mit einer ganz anderen Herausforderung. Im Senegal arbeiten Frauen in ländlichen Gemeinden mit solarbetriebenen Wasserpumpen und Kühltruhen. Die Technik kann dazu beitragen, die Wasserversorgung zu verbessern, Lebensmittel oder Medikamente zu kühlen und neue Einkommensmöglichkeiten zu schaffen.
Doch die Bedienung und Wartung solcher Geräte kann eine Herausforderung darstellen. Die mitgelieferten Handbücher richten sich nach den vorliegenden Informationen häufig an Installateure und Techniker und weniger an die Frauen, die täglich mit den Geräten arbeiten.
Ein Warnlicht oder ein anderes Signal kann dadurch zu einem Problem werden, obwohl die Technik selbst nicht defekt sein muss. Es fehlt möglicherweise lediglich eine verständliche Erklärung, was das Signal bedeutet und wie darauf reagiert werden sollte.
Visual-Audio-Module auf Französisch und Wolof
Gemeinsam mit WECF International und einem lokalen Partner entwickelt Audiopedia deshalb kurze Visual-Audio-Module in französischer und wolofischer Sprache.
Dabei werden auf dem Smartphone einer Nutzerin einfache Bilder oder Symbole angezeigt. Gleichzeitig ist eine gesprochene Erklärung zu hören. Auf diese Weise soll beispielsweise vermittelt werden, was ein bestimmtes Lichtsignal bedeutet, ob eine Batterie gerade geladen wird, welche Reinigungsarbeiten regelmäßig erforderlich sind oder wann Unterstützung benötigt wird.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht die wortgetreue Übersetzung technischer Handbücher. Stattdessen sollen die für den täglichen Gebrauch wichtigen Informationen herausgefiltert und in klare, praktische Handlungsanweisungen übertragen werden.
Denn allein die Installation einer Solarpumpe garantiert noch nicht, dass sie langfristig einen Nutzen für die Menschen vor Ort bringt. Entscheidend ist auch, dass die Nutzerinnen die Technik verstehen und sicher sowie selbstständig damit umgehen können.
„Made for Us“: Wissen direkt auf dem Feld
Ein weiterer Schwerpunkt liegt in Südafrika. Dort arbeiten viele Frauen in der Landwirtschaft und haben nach den vorliegenden Informationen nur begrenzten Zugang zu Schulungen über Arbeitssicherheit und Schutzkleidung.
Gemeinsam mit BASF Agricultural Solutions testet Audiopedia im Rahmen der Kampagne „Made for Us“ deshalb einen Ansatz mit leicht verständlichen Audio-Inhalten, die direkt auf dem Feld genutzt werden können.
Die Inhalte beschäftigen sich mit praktischen Fragen: Wie kann man sich beim Umgang mit Pflanzenschutzmitteln schützen? Welche Schutzkleidung wird benötigt? Wie wird sie richtig angelegt? Und was ist zu tun, wenn es dennoch zu einem Kontakt mit einem Mittel kommt?
BASF bringt dabei die fachliche Expertise zur landwirtschaftlichen Sicherheit ein. Audiopedia arbeitet daran, daraus verständliche und alltagstaugliche Informationen zu machen, die auch Frauen erreichen können, die nicht lesen können oder keinen verlässlichen Internetzugang haben.
Für Audiopedia eröffnet diese Zusammenarbeit zugleich ein weiteres Einsatzfeld. Unternehmen und Organisationen verfügen häufig über umfangreiches Fachwissen, suchen aber nach geeigneten Möglichkeiten, dieses Wissen auch Menschen zugänglich zu machen, die von klassischen Informationsangeboten nur schwer erreicht werden.
Aus einzelnen Projekten entsteht ein Netzwerk
Die verschiedenen Projekte in Nigeria, Kenia, Ruanda, Senegal und Südafrika unterscheiden sich in ihren Themen und Rahmenbedingungen. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Frage, wie Wissen so vermittelt werden kann, dass es tatsächlich bei den Menschen ankommt.
Nach dem Verständnis von Audiopedia reicht es nicht aus, Wissen lediglich bereitzustellen. Es muss verständlich sein, in der passenden Sprache angeboten werden und über einen Weg zugänglich sein, den die Menschen vor Ort tatsächlich nutzen können.
Gleichzeitig zeigt die Entwicklung der Kartenretter-Initiative, dass eine Idee wachsen kann, wenn andere Menschen sie aufgreifen. Frauenorganisationen, Partnerorganisationen, Unternehmen, Kommunen, Vereine und Ehrenamtliche tragen dazu bei, vorhandene Konzepte weiterzuentwickeln und an unterschiedliche Bedürfnisse anzupassen.
Wissen sammeln, hörbar machen und weitergeben
Der Blick auf die vergangenen Monate zeigt damit nicht nur eine wachsende Zahl von Projekten. Entscheidend ist auch die Art und Weise, wie diese Projekte entstehen und sich weiterentwickeln.
In Ruanda wird aus einem ersten Versuch ein längerfristiges Programm. In Nigeria entwickeln sich einzelne Hörgruppen zu einem wachsenden Lernnetzwerk. In Südafrika werden gemeinsam mit einem Unternehmen neue Wege erprobt, um Frauen direkt auf dem Feld zu erreichen. Gleichzeitig sammeln Kommunen, Vereine und Ehrenamtliche gebrauchte microSD-Karten und geben ihnen eine neue Verwendung.
So entsteht nach und nach ein Netzwerk von Menschen und Organisationen, die Wissen sammeln, übersetzen, hörbar machen und weitergeben. Dabei bleibt eine zentrale Frage im Mittelpunkt: Was benötigen die Menschen vor Ort tatsächlich, damit Wissen für ihren Alltag nutzbar wird?
Die Geschichte der kleinen microSD-Karte zeigt dabei beispielhaft, wie aus einem scheinbar unscheinbaren Gegenstand ein Werkzeug für Bildung und Information werden kann. Entscheidend ist nicht allein die Technik. Entscheidend ist, welches Wissen darauf gespeichert ist, in welcher Sprache es vermittelt wird und ob die Menschen es in ihrem Alltag einsetzen können.

Kontakt zur Redaktion: Hier könnte Ihr Bericht oder Gastbetrag stehen.
Friederike Lober
TVüberregional email: lober@tvueberregional.de
TVüberregional berichtet über aktuelle Nachrichten, interessante Projekte, Veranstaltungen und gesellschaftlich relevante Themen aus der Region und darüber hinaus.
Weitere Beiträge von Friederike Lober: Friederike Lober bei TVüberregional
Weitere Lesebriefe: Kategorie Lesebriefe
Weitere Beiträge finden Sie auch auf unserem YouTube-Kanal:
https://www.youtube.com/oliverdoell?sub_confirmation=1