
Reiseserie Bergamo & Lombardei – Teil 04 und Abschluss
Nach der historischen Oberstadt, dem Domplatz und der Kunst der Accademia Carrara führt der letzte Teil der Reise noch einmal durch sehr unterschiedliche Welten.
Der Weg beginnt in Borgo Santa Caterina, einem lebendigen „Dorf in der Stadt“. Danach geht es hinaus aus Bergamo: zur astronomischen Uhr und zum Totentanz von Clusone, in das mittelalterliche Cornello dei Tasso sowie hinauf nach Fuipiano und Arnosto im Valle Imagna.
Auf dieser letzten Etappe begegnen sich Stadtleben, Kunstgeschichte, Postgeschichte, Berglandschaft und norditalienische Küche.
Ein Reisebeitrag von Prof. Dr. Thorsten Krings – redaktionell bearbeitet und geprüft für TVüberregional.
Borgo Santa Caterina – das Dorf in Bergamo

Nur wenige Schritte von der Accademia Carrara entfernt beginnt ein Stadtviertel, das sich seinen ganz eigenen Rhythmus bewahrt hat: Borgo Santa Caterina.
Schmale Straßen, farbige Fassaden, kleine Geschäfte, Restaurants, Cafés und das Santuario della Beata Vergine Addolorata lassen den „Borgo d’Oro“ wie ein eigenständiges Dorf innerhalb Bergamos wirken.
Tagsüber lebendig und am Abend gesellig, verbindet das Viertel Geschichte mit italienischem Alltag.
Ein mittelalterlicher Borgo außerhalb der Mauern
Borgo Santa Caterina entstand ursprünglich außerhalb der befestigten Stadt.
An dieser Stelle trafen Wege aus den Tälern auf Bergamo. Handwerker, Händler und Reisende prägten das Leben vor den Mauern.
Mit dem Wachstum der Stadt wurde der alte Borgo Teil des heutigen Bergamo. Seine langgestreckte Hauptstraße und die dichte Bebauung erinnern jedoch noch immer an die frühere Struktur.
Der Beiname „Borgo d’Oro“ – goldenes Dorf – passt zu den warmen Farbtönen vieler Fassaden und zum Stolz der Bewohner auf ihr Viertel.
Palazzi, Balkone und kleine Innenhöfe
Entlang der Via Borgo Santa Caterina stehen mehrstöckige Häuser und Palazzi in warmen Pastelltönen.
Fensterläden, schmiedeeiserne Balkone und Durchgänge zu kleinen Innenhöfen sorgen dafür, dass der Spaziergang nie eintönig wird.
Es lohnt sich, nicht nur geradeaus zu schauen. Viele reizvolle Einzelheiten liegen über den Schaufenstern oder verbergen sich hinter Torbögen.
Das Viertel ist kein Freilichtmuseum. Menschen wohnen und arbeiten hier, erledigen ihre Einkäufe und treffen sich in Cafés oder Bars.
Die historischen Gebäude bilden keine Kulisse, sondern gehören zum täglichen Leben.
Genuss ohne die große touristische Bühne
Restaurants, Trattorien, Delikatessenläden und Bars wechseln sich mit Boutiquen, Kunsthandwerk und kleinen Geschäften ab.
Das Angebot reicht von traditionellen Gerichten aus Bergamo bis zu moderner Küche.

Weil Borgo Santa Caterina nicht nur von Besuchern, sondern stark von Einheimischen geprägt wird, wirkt das gastronomische Angebot weniger wie eine touristische Pflichtstation.
Am Abend füllen sich die Lokale. Im Sommer erweitern Tische und Stühle den Straßenraum.
Die Atmosphäre erinnert ein wenig an die Navigli in Mailand, bleibt aber überschaubarer und persönlicher.
Das Santuario della Beata Vergine Addolorata
Ein religiöses und kulturelles Zentrum des Borgo ist das Santuario della Beata Vergine Addolorata.
Seine Geschichte ist mit der Überlieferung einer wundersamen Lichterscheinung verbunden: Ein Stern soll ein Marienfresko an einer Hauswand erleuchtet haben.
An dieser Stelle entstand das Heiligtum, dessen Bau im Jahr 1605 vollendet wurde.
Noch heute spielt die Verehrung der Madonna Addolorata eine wichtige Rolle.
Am 18. August erinnert eine Prozession an das überlieferte Ereignis.
Clusone – Stadt der Kunst und der Zeit
Von Bergamo führt die Reise weiter in das Val Seriana.
Dort liegt Clusone, das wegen seines kulturellen Erbes als Stadt der Kunst und der Zeit bekannt ist.
Das historische Zentrum lässt sich gut zu Fuß erkunden. Zwischen alten Palazzi, Kirchen und kleinen Plätzen begegnet man immer wieder dem Thema Zeit – technisch, künstlerisch und philosophisch.
Die astronomische Uhr von Pietro Fanzago
Das bekannteste Wahrzeichen Clusones befindet sich am Turm des Rathauses.
Der aus Clusone stammende Pietro Fanzago schuf die astronomische Uhr, die 1583 eingeweiht wurde.
Sie arbeitet noch heute mit wesentlichen Teilen ihres ursprünglichen mechanischen Werks und wird täglich von Hand aufgezogen.
Das Zifferblatt zeigt wesentlich mehr als Stunden und Minuten.
Ablesen lassen sich unter anderem Tag, Monat, Tierkreiszeichen und Mondphase.
Damit ist die Uhr nicht nur ein Schmuckstück, sondern eine eindrucksvolle mechanische Darstellung des damaligen Welt- und Zeitverständnisses.
Triumph des Todes und Totentanz
Nur wenige Schritte entfernt befindet sich am Oratorio dei Disciplini eine der eindrucksvollsten mittelalterlichen Darstellungen der Region.
Das 1485 entstandene Werk von Giacomo Borlone de Buschis verbindet den „Triumph des Todes“ mit der berühmten Danza Macabra – dem Totentanz.
Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Stellung werden daran erinnert, dass Rang, Reichtum und Besitz vor dem Tod keine Bedeutung haben.
Bei der Darstellung handelt es sich um eine Wandmalerei und nicht um ein Relief.
Ihre Bildsprache wirkt auch nach mehr als 500 Jahren unmittelbar.
Im Inneren des Oratoriums erzählen weitere Fresken Szenen aus dem Leben Jesu.
Das MAT im Palazzo Marinoni Barca
Im freskengeschmückten Palazzo Marinoni Barca befindet sich das MAT – Museo Arte Tempo.
Das Museum verbindet lokale Kunstgeschichte mit der Geschichte der Zeitmessung.
Zu sehen sind historische Turmuhrwerke sowie Werke von Künstlern aus Clusone und der Region.
Cornello dei Tasso – Mittelalter und die Geschichte der Post

Die nächste Station liegt im Val Brembana.
Cornello dei Tasso liegt erhöht über dem Tal und hat sich einen außergewöhnlich geschlossenen mittelalterlichen Ortskern bewahrt.
Der historische Teil des Dorfes ist nur zu Fuß erreichbar. Der kurze Fußweg gehört bereits zum Erlebnis.
Die Via Mercatorum und der alte Handelsplatz

Im Mittelalter lag Cornello an der Via Mercatorum, einer bedeutenden Handelsverbindung durch die Täler nördlich von Bergamo.
Der Ort war ein wichtiger Umschlagplatz für Menschen und Waren.
Unter den langen Steinarkaden konnten Händler ihre Waren geschützt anbieten, während sich darüber Wohnräume befanden.
Ab 1592 entstand unter venezianischer Herrschaft die neue Strada Priula.
Sie führte am Ort vorbei. Handel und Verkehr verlagerten sich, und Cornello verlor an wirtschaftlicher Bedeutung.
Was damals ein schwerer Nachteil war, erwies sich aus heutiger Sicht als Glück.
Viele historische Strukturen wurden nicht von modernen Straßen- und Bauprojekten verdrängt.
Von der Familie Tasso zu Thurn und Taxis
Der Name Cornello dei Tasso verweist auf eine Familie, die die europäische Kommunikationsgeschichte entscheidend mitprägte.
Mitglieder der Familie Tasso organisierten über Generationen Kurier- und Postverbindungen.
Im Dienst europäischer Herrscher entstand ein immer dichteres Netz regelmäßiger Postverbindungen zwischen zahlreichen Städten.
Der deutsche Familienzweig wurde später unter dem Namen Thurn und Taxis bekannt.
Im Museo dei Tasso e della Storia postale lässt sich diese Entwicklung anhand historischer Dokumente und Objekte nachvollziehen.
Die häufig verkürzte Aussage, eine einzelne Person habe in Cornello „die Post erfunden“, greift deshalb zu kurz.
Richtig ist: Die Familie Tasso spielte beim Aufbau eines regelmäßigen, grenzüberschreitenden europäischen Postsystems eine herausr

Der Aufbau Cornellos folgt dem Gelände.
Unten befinden sich befestigte Strukturen und der lange Arkadengang. Darüber stehen Wohnhäuser und historische Gebäude.
Auf der höchsten Ebene erhebt sich die Kirche Santi Cornelio e Cipriano mit ihrem romanischen Glockenturm.
Im Inneren sind Fresken aus unterschiedlichen Zeiten erhalten.
Clusone und Cornello erzählen damit auf sehr verschiedene Weise von Zeit und Verbindung.
Clusone tut dies mit Zahnrädern, Himmelszeichen und dem Totentanz, Cornello mit Handelswegen, Nachrichten und der Entwicklung des europäischen Postwesens.
Fuipiano – auf dem Dach des Valle Imagna

Je höher die Straße in das Valle Imagna führt, desto weiter rückt das städtische Bergamo in die Ferne.
Rund um Fuipiano bestimmen Berge, Wälder, enge Kurven und weite Ausblicke das Bild.
Schon die Anfahrt gehört zum Erlebnis. Mit jeder Kehre verändert sich der Blick über das Tal und die Bergamasker Voralpen.
Der Ort liegt auf ungefähr 1.000 Metern Höhe und eignet sich als ruhiger Ausgangspunkt für Wanderungen und Ausflüge.
Statt großer touristischer Anlagen findet man eine überschaubare Berggemeinde, in der Landschaft und regionale Traditionen im Mittelpunkt stehen.
Das familiengeführte Albergo Ristorante Moderno

Eine traditionsreiche Unterkunft im Ort ist das Albergo Ristorante Moderno.
Das familiengeführte Haus besteht seit 1959 und wurde inzwischen umfassend modernisiert.
Traditionelle Materialien treffen auf zeitgemäßen Komfort. Holz, Naturstein und warme Farben schaffen eine Atmosphäre, die zur Berglandschaft passt.
Zum Haus gehört auch ein Wellnessbereich.
Nach einem Tag auf Bergstraßen oder Wanderwegen bieten Whirlpool und Spa eine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen.
Der eigentliche Mittelpunkt des Hauses ist für viele Gäste jedoch das Restaurant.
Die Küche der Region Bergamo

Die Küche orientiert sich an saisonalen und regionalen Zutaten.
Thorsten Krings erlebte eine überschaubare, wechselnde Auswahl statt einer endlosen Speisekarte.
Zu den typischen Spezialitäten gehören Casoncelli.
Diese gefüllten Teigtaschen werden in Bergamo traditionell unter anderem mit Butter, Salbei, Speck und Käse serviert.
Auch Käse- und Aufschnittplatten gehören zur norditalienischen Küche.
Hinzu kommen regionale Weine und Biere aus der Umgebung.
Wer hier isst, bekommt nicht einfach eine beliebige internationale Hotelküche, sondern einen kulinarischen Zugang zur Landschaft und ihren Traditionen.
Arnosto – ein Dorf an der früheren Grenze

Nur wenige Gehminuten von Fuipiano entfernt liegt Arnosto.
Das kleine historische Dorf befindet sich auf mehr als 1.000 Metern Höhe und war über Jahrhunderte ein Grenzort.
Hier verlief die Grenze zwischen dem Gebiet der Republik Venedig und dem Herzogtum Mailand.
Bis 1797 befand sich in Arnosto eine venezianische Zollstation.
Mit dem Ende der Republik Venedig verlor der Ort seine strategische Funktion.
Sein historisches Erscheinungsbild blieb jedoch außergewöhnlich geschlossen erhalten.
Steinhäuser und Dächer aus Kalkplatten
Arnosto gilt als besonders eindrucksvolles Beispiel ländlicher Bergarchitektur im Valle Imagna.
Die Häuser bestehen aus massivem Naturstein.
Charakteristisch sind die geneigten Dächer, die mit schweren Kalksteinplatten – den sogenannten Piode – gedeckt sind.
Rundbogige Portale, alte Holztüren und Spuren von Fresken zeigen, wie sorgfältig selbst Zweckbauten gestaltet wurden.
Da Teile Arnostos bis heute bewohnt sind, sollte bei einem Besuch selbstverständlich die Privatsphäre der Bewohner respektiert werden.
Ein vielfältiger Abschluss der Bergamo-Reise
Der Weg von Borgo Santa Caterina über Clusone und Cornello dei Tasso bis nach Fuipiano und Arnosto zeigt die erstaunliche Vielfalt rund um Bergamo.
Innerhalb vergleichsweise kurzer Entfernungen wechseln lebendige Stadtviertel, Kunstschätze, mittelalterliche Handelswege, ruhige Bergdörfer und eine Küche, die eng mit der Landschaft verbunden ist.
Gerade die kleineren Orte machen deutlich, dass die Lombardei weit mehr zu bieten hat als Mailand, große Seen und bekannte Einkaufsstraßen.
Wer sich Zeit nimmt, entdeckt eine Region, in der Geschichte nicht nur in Museen bewahrt wird.
Sie lebt in Häusern, Straßen, Rezepten, Kirchen, Werkstätten und den Erzählungen der Menschen weiter.
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